Soziale Standards und Klimaschutzziele verfehlt
Auf den diesjährigen Hauptversammlungen gehen kritische Aktionär*innen und Mieterorganisationen mit Vonovia und LEG hart ins Gericht.
|18.5.2026 – Updates zu erwarten| Mit ihren überhöhten Neuvertragsmieten, erfundenen Mietspiegelaufschlägen und immer höheren, undurchsichtigen Betriebskosten – zum Beispiel bei Wärme und Versicherungen – gelten die börsennotierten Wohnungskonzerne Vonovia und LEG in vielen Städten schon lange als die Mietentreiber Nummer 1. Auch wegen ihrer unzureichenden Instandsetzungen, schwer erreichbaren Verwaltungen und automatischen Mahnungen haben sie einen schlechten Ruf bei den Mietenden. Nun führen ihre Versuche, ihre durch Großaufkäufe selbst erzeugte Schuldenlast zu bewältigen, zu neuen Herausforderungen für die Menschen. Um ihre Schulden abzubauen, verkauft die Vonovia vermehrt Häuser – am liebsten die am schlechtesten instand gehaltenen. Die LEG verzichtet auf dringend erforderliche Reparaturen. Beide wollen mit digitaler Automatisierung Kosten sparen und mit seriellen Heizungsanlagen neue Einnahmen generieren.
Im Vorfeld der diesjährigen Hauptversammlungen der Wohnungskonzerne warnen kritische Aktionär*innen und Mieterorganisationen vor den Folgen.
Eine Dividende von über 1 Milliarde Euro soll die Vonovia ausschütten. So lautet der Vorschlag für die am 21. Mai in Bochum stattfindende Hauptversammlung in Bochum. Bei der Hauptversammlung der wesentlich kleineren LEG am 27. Mai in Düsseldorf sind es 221 Millionen Euro. Bei der Vonovia entspricht der Betrag – bereinigt um das Nichtwohnungsgeschäft – etwa 30 % der Bruttomieteinnahmen, bei der LEG sind es knapp 25 %. Nach einhelliger Meinung von Mietervertretern und kritischen Aktionären sollen die Konzerne auf diese von den Mietern finanzierten Ausschüttungen verzichten. Denn das Geld werde für wichtigere Aufgaben benötigt: Die Mieten müssten stabilisiert, die veralteten Wohnungen ohne große Mieterhöhungen energetisch erneuert und die Wohnungsverwaltungen ortsnäher organisiert werden. Auf Verkäufe zulasten von Mietern und Umwelt müsse verzichtet werden.
Mietsteigerungen ohne Ende
Die wirtschaftlichen Ziele der Konzernvorstände sehen ganz anders aus: Obwohl sie mittlerweile weniger Wohnungen besitzt, konnte die Vonovia im Geschäftsjahr 2025 ihre Gewinne aus den Mieten steigern. Bereinigt um die Bestandsveränderungen stiegen die Mieten erneut um 4,1 %. Bis 2028 sollen die Mieten um 5 % im Jahr steigen.
„Das Geschäftsmodell der börsennotierten Konzerne basiert seit eh und je auf einer unbegrenzten Steigerung der Mieten“, sagt Knut Unger von der Plattform kritischer Immobilienaktionär*innen und dem MieterInnenverein Witten. „Da geht es nicht um den Ausgleich von Kosten. Sie nutzen die Wohnungsnot schamlos aus und preisen mögliche Mietsteigerungen schon Jahre vorher in ihre Immobilienbewertungen ein. Um die so gesetzten Erwartungen zu erfüllen, müssen sie die Mieten bis an und über die Mietspiegelgrenzen hinaus systematisch erhöhen. Wenn sie Gesetze nicht daran hindern, schlagen sie bei Neuvermietungen bis über 40 % auf die Mietspiegelwerte auf. Damit treiben sie die Mietniveaus ganzer Regionen an.“
Konzerne hoffen auf passive Mieter
Rechtsanwalt Paul Mann vom Mieterverein zu Hamburg beschreibt das Vorgehen bei den Mieterhöhungen: „Es werden oftmals Zustimmungen zu erhöhten Kaltmieten gefordert, obwohl die Mietenden bereits gegenwärtig die ortsübliche Vergleichsmiete zahlen. Die Vonovia hofft offensichtlich darauf, dass die Mietenden die Mieterhöhungsbegehren ungeprüft unterschreiben. Hierbei sind uns Fälle bekannt, in denen gerichtlich festgestellt wurde, dass ein Zustimmungsanspruch nicht besteht. Trotzdem wurden von der Vonovia nach kurzer Zeit erneut identische Mieterhöhungen ausgesprochen.“
Auch die Betriebs- und Heizkostenabrechnungen steigen von Jahr zu Jahr weiter an. Vom Mieterverein zu Hamburg geprüfte Abrechnungen stellen sich in vielen Fällen als fehlerhaft dar. Hierzu stellt Rechtsanwalt Mann fest: „Die Vonovia ist regelmäßig nicht in der Lage, die abgerechneten Kosten vollständig und transparent zu belegen. Belastbare Zahlungsbelege werden nicht vorgelegt. Dies führt dazu, dass die Mieterseite Zurückbehaltungsrechte an Nachzahlungen geltend machen kann.“ Die Nebenkostenabrechnung prüfen zu lassen, lohnt sich also immer. „In Einzelfällen können sich auch hohe Gutschriften, sogar in vierstelliger Höhe, realisieren lassen. Wichtig ist, dass die Mietenden aktiv werden, den Abrechnungen widersprechen und Belegunterlagen anfordern.“
Zugespitzte Konflikte um die Mietnebenkosten
Der MieterInnenverein Witten wendet diese Vorgehensweise seit Jahren mit immer mehr Mitgliedern an. Allerdings führt dies hier auch zu Gegenreaktionen. Die Vonovia hat in Einzelfällen Zahlungsklagen angestrengt, die sie ähnlich wie Mietprozesse führt. Die LEG hat in mehr als 100 Fällen Zahlungsklagen gegen Wittener Mieter*innen erhoben. Im darauf folgenden Schriftverkehr erhalten die Mieter oft über 1500 Seiten Papiere nach Hause geliefert. „Die Konzerne versuchen uns in einer Materialschlacht zu ersticken“, sagt Knut Unger vom MieterInnenverein Witten. „Die meisten dieser Papiere sind für den Beweis der Richtigkeit der Abrechnungen überflüssig. Viele Rechnungen und Verträge haben sich Vonovia und LEG selbst geschrieben. Sie verweigern die Vorlage der tatsächlichen Zahlungsnachweise, weil dann herauskäme, dass gar kein Geld nach außen geflossen ist. Die Konzerne profitieren an In-sich-Geschäften und Provisionen, die sie nicht an die Mieter weitergeben.“ Die Prozesslawine in Witten startet Ende Mai.
Verkaufspläne führen zu neuen Sorgen
Aber nicht nur die laufenden Geschäfte machen den Mietschützern Probleme. Auch die vom Vonovia-Vorstand angekündigten Verkäufe zur Reduktion der Verschuldung stoßen auf Kritik.
„In Witten hatten wir im letzten Jahr den Verkauf von drei schlecht instand gehaltenen Häusergruppen der Vonovia an bislang eher unbekannte Geschäftsleute“, berichtet Knut Unger, der kritischer Aktionär, aber auch Sprecher des MieterInnenvereins Witten ist. „Am Wannen in Witten-Heven hat der neue Eigentümer sofort eine Erhöhung der Miete verlangt – und zwar um viel mehr, als es die Vonovia bislang vergeblich versucht hat. Die Mieter*innen haben sich mehrfach, auch vor Gericht, mit Erfolg dagegen gewehrt, dass die Vonovia einfach ein jüngeres Baualter für ihre Wohnungen ansetzte und damit eine höhere Miete durchsetzen wollte. Bei dem neuen Eigentümer sind die Mieter sofort eingeknickt.“
Und warum haben die Mieter*innen zugestimmt? Unger: „Der Vermieter ist persönlich bei ihnen vorbeigekommen, hat sie aufgefordert, persönliche Bilder aus dem Hausflur zu entfernen, und ihnen gedroht. Aus Angst haben die Mieter einer Mieterhöhung zugestimmt, die völlig unrecht war. Ich fühle mich um 20 Jahre zurückversetzt. Damals haben die Vorgänger der Vonovia ganze Straßen in Angst und Schrecken versetzt, als sie die Wohnungen an Weiterverwerter veräußerten.“
Klimaziele verfehlt
Die Verkäufe führen nicht nur für die Mieter zu negativen Folgen. Die Vonovia hübscht damit ihre CO₂-Bilanz auf. Denn sie stößt vor allem besonders sanierungsbedürftige Häuser ab.
Eigentlich hat sich Vonovia ein ambitioniertes Klimaziel gesetzt: Bis 2045 soll der CO₂-Ausstoß je Quadratmeter Mietfläche von 30,7 kg auf 5 kg sinken – eine notwendige jährliche Reduktion von rund 1,3 kg bzw. 4,2 Prozent. Im Berichtsjahr 2025 jedoch sank der Ausstoß lediglich um 0,5 kg pro Quadratmeter – weniger als ein Drittel des erforderlichen Jahresschritts. Betrachtet man aber ausschließlich den verbliebenen Gebäudebestand ohne Portfolioverkäufe, schrumpft der Wert auf magere 0,3 kg.
„Vonovia selbst benennt in ihrem eigenen Geschäftsbericht einen Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und Bezahlbarkeit von Wohnraum. Dieser Konflikt darf nicht auf dem Rücken der Mieterinnen ausgetragen werden“, sagt Jari Bertolini vom Dachverband der kritischen Aktionärinnen.
„Vonovia und LEG verfehlen sowohl soziale als auch ökologische Standards“, fasst Knut Unger zusammen.
